|
| Wilhelm Meisters Lehrjahre 6 |
|
|
|
|
|
| |
Bekenntnisse einer schönen Seele
So fühlte ich nie mehr, wie ich da fühlte! Artigkeiten wurden mit Artigkeiten, Briefchen mit Briefchen erwidert. Kirche und Promenaden wurden von nun an zu Rendezvous; unsre jungen Bekannten luden uns schon jederzeit zusammen ein, wir aber waren schlau genug, die Sache dergestalt zu verdecken, daß die Eltern nicht mehr davon einsahen, als wir für gut hielten. Nun hatte ich auf einmal zwei Liebhaber bekommen.
Ich war für keinen entschieden; sie gefielen mir beide, und wir standen aufs beste zusammen.
Auf einmal ward der ältere sehr krank; ich war selbst schon oft sehr krank gewesen und wußte den Leidenden durch übersendung mancher Artigkeiten und für einen Kranken schicklicher Leckerbissen zu erfreuen, daß seine Eltern die Aufmerksamkeit dankbar erkannten, der Bitte des lieben Sohns Gehör gaben und mich samt meinen Schwestern, sobald er nur das Bette verlassen hatte, zu ihm einluden. Die Zärtlichkeit, womit er mich empfing, war nicht kindisch, und von dem Tage an war ich für ihn entschieden.
Er warnte mich gleich, vor seinem Bruder geheim zu sein; allein das Feuer war nicht mehr zu verbergen, und die Eifersucht des Jüngern machte den Roman vollkommen.
Er spielte uns tausend Streiche; mit Lust vernichtete er unsre Freunde und vermehrte dadurch die Leidenschaft, die er zu zerstören suchte.
|
|
|
| |
|